London kulinarisch
In der britischen Metropole arbeiten beinahe so viele Sterneköche wie in Paris. Doch von Haute Cuisine haben die genussfreudigen Londoner allmählich genug. Der aktuelle Trend geht zu bodenständiger Kost – am liebsten very british!
Mekka für anspruchsvolle Genießer
Szene in einem Londoner Luxushotel: Im holzgetäfelten Restaurant von „The Connaught“ in Mayfair genießen betuchte Touristen ihr Abendessen – perfekt gebratene Jakobsmuscheln mit Artischockenpüree als Vorspeise, gefolgt von Tunfisch mit geröstetem Fenchel und Kapern-Vinaigrette. Als krönender Abschluss eine Auswahl pastellfarbener Sorbets im Miniaturformat, serviert auf einem Silbertablett. Die Gäste sind entzückt, aber nicht überrascht. Denn erstens gehört Köchin Angela Hartnett zu den Stars der Londoner Gourmetszene, und zweitens gilt die britische Hauptstadt inzwischen ohnehin als Mekka für anspruchsvolle Genießer. Fast so viele Sterne-Köche wie in Paris arbeiten hier, und sie werden bewundert wie Popstars. Von Spitzenhäusern und Haute Cuisine jedoch haben immer mehr Londoner inzwischen genug. Nach der Überdosis an Kochshows, Starköchen und all den durchgestylten Kochbüchern finden sie unprätentiöse Restaurants (und nicht zuletzt die zivilen Preise dort) einfach erfrischend, selbst wenn der Service zuweilen nicht ganz so perfekt ist. Saisonales und Regionales stehen hoch im Kurs, ähnlich wie in Deutschland. Der Renner in den Restaurants ist solide Hausmannskost, egal ob diese britisch, französisch, mediterran oder von exotischer Herkunft ist.
Entspannte Atmosphäre
Bestes Beispiel ist hier das „Bellamy’s“, eine nach Pariser Vorbild gestaltete Brasserie im feinen Stadtteil Mayfair und seit der Eröffnung im November 2004 unvermindert ein Riesenerfolg. Auf der Speisekarte stehen klassische Brasserie-Gerichte wie Croque Monsieur, Soupe à l’Oignon oder Steak Tartare. Und die Atmosphäre ist so entspannt, dass jeder Gast gerne wiederkommt. In der „Brasserie St. Quentin“ in Knightsbridge stammen die hervorragenden Lammsteaks aus zuverlässiger heimischer Zucht. Die Räumlichkeiten von „The Wolseley“ im Stadtteil Piccadilly beherbergten einst eine Bank, entsprechend großzügig präsentiert sich heute das Restaurant. Die opulenten Interieurs erinnern an die traditionsreichen Kaffeehäuser von Wien, Budapest und Prag. Die Speisekarte bietet klassisch Deftiges auf hohem Niveau: Wiener Schnitzel, Gulasch mit Spätzle und andere Favoriten aus Zentraleuropa.
Gastropubs: Verbindung von traditionellen Pubs und guter Küche
Traditionell Britisches wie Bacon and Eggs zum Frühstück, Roast Beef zum Dinner oder Devils on Horseback (gegrillte Pflaumen im Speckmantel) für zwischendurch gibt es im Restaurant „Roast“. Ein weiterer Bonus: Das „Roast“ befindet sich im ersten Stock der 1858 errichteten Blumenhalle des Borough-Gemüsemarktes am Südufer der Themse. Wer zum Lunch kommt und in dem großen, lichten Raum einen Fensterplatz erwischt, genießt einen wunderbaren Blick auf das bunte Markttreiben – genauso muss es auf dem Set von „My Fair Lady“ ausgesehen haben. „Plateau“, das optisch wohl schönste Speisehaus von Canary Wharf, Londons neuem Zentrum der Finanzwelt östlich der Tower Bridge („Manhattan an der Themse“), ist rundum verglast und bietet einen Traumblick auf die neuen Wolkenkratzer und gepflegten Grünflächen des ehemaligen Hafens. Fish & Chips sind hier gefragter als gegrillte Entenbrust. Kein Wunder, denn die leichtere, zeitgemäße Version des britischen Klassikers erlebt zurzeit eine Renaissance. Man findet sie auch in der wachsenden Anzahl von so genannten Gastropubs, die das vertraute Flair der traditionellen Pubs mit guter Küche verbinden. Standard-Ingredienzien sind hier neben einer rustikalen Einrichtung und einer offenen Küche – vernünftige Preise. Viele der Köche standen zuvor in Spitzenrestaurants von namhaften Küchenstars am Herd. Sich mit einem Gastropub selbständig zu machen gilt als zuverlässige Chance für die eigene Karriere. Da ist zum Beispiel „The Anchor and Hope“ in Waterloo, wo man zwar manchmal lange auf die gebratene Scholle mit Lauchgemüse warten muss, doch es lohnt sich durchaus. Und in „The Builder’s Arms“ in Chelsea gibt es nicht nur Tageszeitungen und komfortable Sofas, sondern auch Penne mit Zucchini und gute Weine.
Urbritisches Milieu ist Kult!
Und wie steht es um die britische Institution, den Afternoon Tea? Bestens. Den Nachmittagstee in einem der Grandhotels einzunehmen ist populärer denn je. Mit dem dazugehörigen „Begleitprogramm“: den feinen, kleinen Sandwiches und kunstvollen Törtchen, der musikalischen Untermalung am Flügel oder an der Harfe. Im „Berkeley Hotel“ in Knightsbridge genießt der Gast den Tee auf recht modische Weise: Das Gebäck wird in Form von Gucci-Bikinis und Manolo-Blahnik-Stilettos serviert. Unbedingt vorher reservieren! Ein kurzer Spaziergang führt vom „Berkeley Hotel“ durch den Hyde Park nach Mayfair. Dies ist London de luxe: Hier findet man von allem das Beste – die feinsten Appartments, die teuersten Modeläden, die exklusivsten Antiquitätenhändler, die nobelsten Hotels. Neuerdings haben sich hier auch junge Modedesigner wie Stella McCartney niedergelassen. Und Mayfair ist gefragt als Location für Popvideos. Keine Frage – urbritisches Milieu ist mittlerweile Kult!
London für Genießer
Angela Hartnett at the Connaught, 16 Carlos Place, London W1, Tel. 020/74 99 70 70, www.theconnaught.com, Lunch ab £ 30 (drei Gänge), abends ab £ 55, alle Kreditkarten
Bellamy’s, 18/18A Bruton Place, London W1, Tel. 020/74 91 27 27, E-Mail: gavin@bellamysrestaurant.co.uk, Hauptgerichte ab £ 14.50, Sa abends und So geschlossen, Visa, Eurocard, Mastercard
Brasserie St. Quentin, 243 Brompton Road, London SW3, Tel. 020/75 89 80 05, www.brasseriestquentin.co.uk, Hauptgerichte ab £ 10.75, kein Ruhetag, alle Kreditkarten
The Wolseley, 160 Piccadilly, London W1J 9EB, Tel. 020/74 99 69 96, Fax 74 99 68 88, E-Mail: info@thewolseley.com, kein Ruhetag, Hauptgerichte ab £ 8.75, alle Kreditkarten
Roast, The Floral Hall, Stoney Street, London SE1, Tel. 020/79 40 13 00, www.roast-restaurant.com, Hauptgerichte ab £ 10, So geschlossen, alle Kreditkarten
Plateau, Canada Place, Canada Square, London E14, Tel. 020/77 15 71 00, www.conran.com, Hauptgerichte ab £ 9.50, So abends geschlossen, alle Kreditkarten
The Anchor & Hope, 36 The Cut, London SE1, Tel. 020/79 28 98 98, Hauptgerichte ab £ 10.80, So geschlossen, Mastercard, Visa
The Builder’s Arms, 13 Britten Street, London SW3, Tel. 020/73 49 90 40, Haupgerichte ab £ 9.50, kein Ruhetag
The Berkeley Hotel, Wilton Place, London SW1, Tel. 020/72 35 60 00, www.the-berkeley.co.uk, kein Ruhetag, Nachmittagstee ab £ 31, alle Kreditkarten
Brown’s Hotel, Albemarle Street, London W1S 4BP, Tel. 020/74 93 60 20, www.brownshotel.com, Nachmittagstee ab £ 29.50